Stress lass nach!

Titelfoto zur Verfügung gestellt von Warren Photographic Ltd.

Stress. Jeder kennt ihn, viele haben ihn gerade und manche jammern sogar darüber, wenn sie ihn nicht haben. Wer ist der Kerl bloß, der immer wieder, meist ohne persönliche Einladung, in unser Leben tritt und dem einen oder anderen von uns aufzeigt, wo seine ganz persönlichen Grenzen liegen? In der Forschung haben bereits unzählige Studien über den ungeliebten Kameraden stattgefunden, doch weiss nun wirklich jemand woher er kommt und weshalb es uns so schlecht geht, wenn er wieder weg ist?

Woher das Wort ‚Stress‘ überhaupt kommt ist etwas strittig. Viele behaupten, dass eine etwas unglückliche Übersetzung ins Englische ist, welche von Hans Selye stammt, wieder andere behaupten, dass das Wort bereits im Jahre 1303 der Feder eines englischen Dichters entsprungen ist. Unterm Strich wissen wir nicht wirklich, woher der Schurke seinen Namen hat - macht ja nichts, wir hatten bei unserem eigenen Namen ja auch kein Mitspracherecht.

Stress wird in den Wissenschaften Biochemie und Medizin, Psychologie und Soziologie, Philosophie und Statistik aber auch in den interdisziplinäre Richtungen wie Arbeitswissenschaft, Anthropologie, Kybernetik und Ökologie erforscht und behandelt. Doch kann man den Stress tatsächlich auf verschiedene Wissenschaften aufteilen, weil Stress betrifft ja auch den ganzen Menschen und dessen Leben.

Um den Stress und seine Folgen zu erklären, benötigen wir die ‚Homöosthase‘ ein Begriff der 1929 von Walter B. Cannon geprägt wurde und heute durch die kybernetische Systemtheorie (Norbert Wiener, 1948) weiterentwickelt wird. Homöosthase ist das Streben unseres Körpers nach dem Erhalt eines Gleichgewichts, das für die Lebenserhaltung und Funktion unseres Organismus oder eines Organs notwendig ist. Das einfachste Beispiel der Homöosthase kennen die viele Menschen: der Blutdruck - ein gesunder Körper reguliert seine Blutdruck selbst. Hans Selye erkannte schnell, dass dieses Gleichgewicht nicht nur unseren Körper und seine Organe betrifft sondern auch unser Nervensystem und den Hormonhaushalt, Gefühle und Stimmungen, Strebungen und Meinungen.

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Was heißt das jetzt für uns? Wut, Ärger, Neid, Kränkung, Trauer sind Reaktionen unseres täglichen Lebens. Diese Reaktion sind uns dienlich, zum Beispiel wenn es darum geht unsere Energien zu mobilisieren oder versteckte Seiten unserer Persönlichkeit hervorzurufen. Stress ist nun die übermässige seelische und körperliche Antwort unseres Körpers auf ein länger anhaltendes Ungleichgewicht, welches entsteht wenn wir Reize, Belastung, Druck die auf uns einwirken und welche die Reaktion ausgelöst haben, nicht beseitigen oder mindern.

Bereits im Jahre 1914 entdeckte Walter B. Cannon, dass unser Körper  als Reaktion auf Furcht oder Wut, Adrenalin ausschüttet. Selye definierte dieses 1936 wie folgt: ‚Stress ist die unspezifische Reaktion das Organismus auf jede Art von Anforderung‘. Er fand heraus, dass es zwei unterschiedliche Arten von äußeren Reizen gibt. Die negative Form bezeichnete er als ‚distress‘ und die positive Form als ‚eustress‘. Basierenden auf seinen Studien entstand auch die Einteilung der Phasen der Stresseinwirkung in: Phase der Alarmreaktion, Widerstandsstadium und Erschöpfungstadium.

Heute wissen wir, dass in der Alarmphase viele unterschiedliche Stresshormone ausgeschüttet werden, jedoch zwei Hormone sind bei Stress besonders bedeutend. Das Hormon Adrenalin, welches die Herz- und Atemfrequenz erhöht um uns gegen die Gefahr körperlich verteidigen zu können oder zu flüchten sowie das Hormon Cortisol welches den Blutzucker erhöht um die Gehirnfunktion anzukurbeln und den Selbstheilungsprozess zu starten.

Nehmen wir einen ganz normalen Tag eines durchschnittlichen Berufstätigen her, um herauszufinden wann wir diese Hormone ausschütten und nennen ihn Herrn Stressi (ein Schweizer, wenn sie so wollen).

Herr Stressi wird morgens pünktlich um 6.30 durch sein Lieblingslied aus seinen Träumen gerissen, hektisch fuchtelt er im Bett herum, weil irgendwo muss er das iPhone ja gestern Abend noch hingelegt haben. Er findet endlich das Gerät und drückt die ‚Snooze-Funktion‘. Doch anstelle der ersehnten Fortsetzung seines Traumes, läuft der Terminkalender vor seinem inneren Auge vorbei. Huch, jemand hat ihm gestern noch eine Termineinladung für heute 9.00 geschickt. Mist, das iPhone wird davon überzeugt die Snooze-Funktion sein zu lassen und das Bett wird fluchtartig verlassen. Kommt ihnen die Situation bis hierher bekannt vor?

Herr Stressi kommt mit der Zahnbürste im Mundwinkel steckend in die Küche und stellt fest, dass der Kaffee nun wirklich leer ist. Keine Chance aus den letzten Bröseln der Kaffeebox noch irgendetwas aus der Nespresso-Maschine zu bekommen. Puh, der letzte Tag ohne Kaffee war für Herrn Stressi mehr als unangenehm und wenn er das gewusst hätte, wäre er gestern etwas früher ins Bett gegangen. Wo ein Wille da auch ein Weg, es wird vor dem Meeting noch ein Zwischenstopp in der Kaffeeküche eingeplant, denn ohne diesen Kaffee schafft er das Meeting nicht. Was war da noch mal gleich das Thema? Monatsbericht und Verkaufsergebnisse des letzten Quartals. Monatsbericht? - Wann hat er noch mal die Zahlen davon bekommen?

Hastig durchsucht er den Mail-Eingang seines iPhones nach dem Bericht des Controllings. Noch mal Mist, es gab kein PDF sondern nur ein Excel, woraus er beim besten Willen auf dem mobilen Gerät nicht herauslesen kann. Wie oft hatte er doch schon verlangt, dass man ihm ein PDF schicken soll, oder machen die das etwas absichtlich?

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Im Büro angekommen, schnappt sich Herr Stressi seinen Filterkaffee, nippt ein paar Mal daran und lässt ihn dann am Stehtisch stehen, da wo bereits einige Tassen des ungeniessbaren Gebräus herum standen. Er schnappt sich sein Notebook vom Tisch, springt in den Fahrstuhl und versucht am Weg zum Meeting noch schnell das Excel mit den Monatszahlen zu öffnen. Eilig huscht er mit anderen Kollegen über den Flur, doch was passiert da? Der Kollege vor ihm sieht ihn nicht und lässt die Sicherheitstüre hinter ihm zufallen. Herr Stressi schimpft vor sich hin, er sucht verzweifelt seine Zutrittskarte, dabei fällt ihm das iPhone runter und das Display bricht.

Endlich angekommen, sitzt er schweißgebadet im Meeting und stellt fest, dass die Monatszahlen offensichtlich von einem wichtigerem Thema abgelöst wurden. Sein Boss hat gekündigt und er hat gehofft die Position angeboten zu bekommen. Doch was muss er zu seinem Entsetzen feststellen, der Blondschopf gegenüber von ihm hat den Job. Eine Frau! Wie kann das sein? Die hat doch gar nichts drauf, letztens musste er ihr sogar dabei helfen ein Formel ins Excel einzutragen. Wut, gepaart mit Neid überkommt ihn doch er lässt sich nach außen hin nichts anmerken. Den Rest des Tages verbringt er für sich an seinem Tisch und gibt sich seinen Emotionen und Tagträumen hin. Er unterbricht diese nur um sich noch einige Male Kaffee aus der Cafeteria zu holen.

Als er Abends endlich aus dem Büro kommt fährt er direkt ins Kino um sich mit seinen Freunden den neuen Streifen ‚The Raid‘ anzusehen. Er beschließt, dass das Popcorn im Kino mit Coke light genug für den Abend war und legt sich gegen 23.00 ins Bett, wo er sich die nächsten Stunden unruhig hin und her wälzt.

Wie oft und wie lange war nun Herr Stressi in der Phase der Alarmreaktion, im Widerstandsstadium und im Erschöpfungstadium?

Die Auflösung und Fortsetzung über die Folgen des langanhaltenden Stress, sowie die Auswirkungen auf Schlaf, Gewicht und Stimmung folgen in unserem Blogbeitrag nächste Woche. Folgen sie uns auf Facebook oder Twitter um die Fortsetzung nicht zu verpassen.


Schwarzer, R. (1981). Stress, Angst und Hilflosigkeit. Die Bedeutung von Kognitionen und Emotionen bei der Regulation von Belastungssituationen. Stuttgart: Kohlhammer
Selye, H. (1981). Stress - mein Leben. Erinnerungen eines Forschers. Fischer Taschenbuch Verlag

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